Reportage der "Deister- und Weserzeitung" über die Arbeit des Hafenverein Hameln e.V. vom 10. Januar 2009:Eiswache im Hafen – Kettensägen fressen sich durch gefrorenes Wasser
Druck kann Schiffsrümpfe zerstören / Hausboot-Bewohner und Kapitäne legen Hand an
Von Ulrich Behmann

(Foto: © DWZ / ube)
Hameln. Sieben Blesshühner ergreifen mit Trippelschritten die Flucht, und ein Eisvogel fliegt davon, als Andreas Engelhardt (49) die Motorsäge anwirft. Das Thermometer der Kachelmann-Messstation zeigt an diesem Freitagmorgen minus 17,4 Grad an. Eine Möwe kreist einsam über dem Hamelner Hafenbecken, das sich in eine 114375 Quadratmeter große Eisfläche verwandelt hat.
„Das Eis wird dicker, der Druck immer größer. Die Schiffe sind in Gefahr“, sagt Bernhard Mandla (46) und rammt einen Einreißhaken ins Eis.

Sägt Wohnschiffe frei: Andreas Engelhardt (49) wird von Sicherheitsmann Michel Sautelet (64) am Seil gehalten. Bernhard Mandla (46) zieht die Blöcke mit einem Einreißhaken aus dem Wasser
(Foto: © DWZ / ube)
Engelhardt hat sich zur Sicherheit ein Hanfseil um den Bauch gebunden. Sicherheitsmann Michel Sautelet (64) hält es fest in seinen Händen. Könnte ja sein, dass der Mann an der Säge plötzlich im Eis einbricht. Die Kette kreischt, sie frisst sich durch eine 20 Zentimeter dicke Eisschicht. Wasser spritzt Engelhardt auf die Lederschuhe. Der gelernte Kabelmonteur hat längst nasse und kalte Füße.
„Gummistiefel wären zwar gut, aber lebensgefährlich“, sagt Engelhardt, lächelt – und erklärt: „
Wenn ich mit denen untergehe, laufen die ruckzuck voll und ziehen mich in die Tiefe.“Seit Montagmorgen halten die Männer vom Hafenverein acht Wohnschiffe und ein Solarboot eisfrei. Viele zentnerschwere Eisblöcke liegen inzwischen auf dem zugefrorenen Hamelner Hafen.
Nicht überall trägt das Eis. Am Rand ist es dünn und brüchig. Mandla zeigt in Richtung „
Actaris“. „
Das Unternehmen entnimmt hier Kühlwasser und leitet es erwärmt wieder ein. Das ist ein Grund dafür, dass das Eis im Hafen nicht überall gleich stark ist.“Alle Schiffe müssen beheizt werden
Aber auch die sieben im Schutzhafen vor Anker liegenden Schiffe der „Flotte Weser“ und der „Personenschifffahrt Warnecke“ tragen dazu bei, dass das Betreten des zugefrorenen Hafens ein unkalkulierbares Risiko ist, denn:
„Alle Schiffe müssen beheizt werden, damit sie nicht einfrieren. Und die Rümpfe strahlen etwas Wärme ab“, sagt Kapitän Roland Rosendahl (38), der mit einer fünf Meter langen Eisenstange, an der ein schweres Stahlgewicht befestigt ist, vom Oberdeck des Fahrgastschiffes „Hameln“ Eis stößt. Eine mühevolle, zeitaufwendige Arbeit. Eine Kettensäge will der Käpten aber nicht einsetzen. „
Ist mir zu gefährlich“, sagt er. „
Man weiß nie, ob das Eis nicht doch nachgibt.“
Ungewöhnliche Aufgabe für den Kapitän der „Flotte Weser“ – mit einer Stange schlägt Roland Rosendahl (38) das Eis auf.
(Foto: © DWZ / ube)
Engelhardt hat Pause gemacht. Ohnehin ist der Tank der Kettensäge leer und das Solarboot vom Eis befreit. Im Vereinsschiff „Task“ wärmt er sich bei einer Tasse Kaffee auf. Das Koffein tut gut, weckt Lebensgeister. Der Hamelner ist müde; er hatte in der Nacht Wache an Bord der „Task“, die rund um die Uhr mit einem Dauerofen beheizt wird.
„Wir müssen das Schiff warm halten, damit die Wasserleitungen nicht platzen und die Luftfeuchtigkeit nicht gefriert. Beides könnte das Mobiliar und die Holzvertäfelung zerstören“, erklärt Mandla.

Peter Docherty (54) legt Holz nach: Das Feuer auf der „Task“ muss Tag und Nacht brennen, damit das Schiff nicht einfriert.
(Foto: © DWZ / ube)
Aber noch mehr Angst haben die 56 Frauen und Männer des Vereins vor dem Eis, das die Rümpfe der Boote umschließt. „
Das muss ein Wahnsinnsdruck sein, denn [i]er macht sogar große Schiffe kaputt“, sagt Engelhardt. „
Unsere Task haben wir eigenhändig restauriert. Die ist uns viel zu teuer, als dass wir die Hände in den Schoß legen und abwarten. Frei nach dem Motto: Es wird schon nichts passieren“, ergänzt Mandla.

Der Australier Mick Johnson (45) lebt mit seiner deutschen Lebensgefährtin Annie Klaire (54) auf einem Wohnschiff in Hameln. Auch er muss sein eingefrorenes Zuhause täglich eisfrei halten.
(Foto: © DWZ / ube)
Draußen kreischt schon wieder die Motorsäge, flüchten Blesshühner vor dem ungewohnten Lärm. Engelhardt sägt weiter. „
Acht Wohnschiffe müssen wir noch freimachen“, sagt er. Seine Zehen, die in den nassen Lederschuhen stecken, spürt er schon kaum noch.
© Dewezet 10. Januar 2009 Bei Interesse können Sie sich auch gerne den Videofilm der BILD-Zeitung sowie der Dewezet zu dieser Reportage über die Arbeit des Hafenvereins während der extremen Kälteperiode anschauen.
Hierbei wünschen wir Ihnen viel Freude !

Internetseite der Dewezet (www.dewezet.de) mit dem Hinweis auf das Hafenverein-Video
⇒ KLICK hier für: Videofilm der DWZ über den Eisdienst des Hafenverein Hameln e.V.

Internetseite der BILD - Zeitung (www.BILD.de) mit dem Hinweis auf das Hafenverein-Video
⇒ KLICK hier für: Fotos und Videofilm der BILD-Zeitung über den Eisdienst des Hafenverein Hameln e.V. !Historie zum Thema "Eisdienst auf der Weser"

Eisdienst auf der Weser an der alten Schleuse um 1900. Besatzungen befreien ihre eingefrorenen Schiffe von dem tückischen Eis.
(Bild: © Stadtarchiv Hameln)

1950er Jahre: Binnenschiffer in Hameln versuchen, ihr Schiff freizubekommen.
(Bild: © Peter Kröger, Heinsen)