Bericht der "Deister- und Weserzeitung" vom 07. März 2009 über die Arbeit der Hamelner Wasserschutzpolizei. In diesem Report findet sich auch ein netter Absatz über den Hafenverein Hameln e.V.
Viel Spaß beim Lesen !
Kommissar Reinking und die Tote aus der Weser
Vermisste saß acht Jahre im versunkenen Auto / Alarm für „Pamir 5-11-15“ – im Einsatz mit der Wasserschutzpolizei
Von Ulrich Behmann
Hameln. Es ist 10.50 Uhr, als das Telefon auf dem Schreibtisch von Wolfgang Reinking (47) klingelt. An diesem Donnerstag macht der Wasserschutzpolizist allein Dienst in der kleinen Station an der Straße „Rosenbusch“ in Hameln. Ralph Schwekendiek (52), der stellvertretende Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hameln, ruft an.
„Moin. Wollte nur melden, dass unser Bagger vor ein paar Minuten an der alten Kiesverladestelle in Hessisch Oldendorf ein Auto rausgeholt hat.“
„Danke, ich guck mir das gleich mal an“, sagt der Polizeioberkommissar (POK). Mit Streifenwagen „Pamir 5-11-0“ fährt der Beamte zum Fundort. Noch geht er davon aus, dass wieder einmal jemand eine Schrottkarre in die Weser geschoben hat, um die Entsorgungskosten zu sparen. Vielleicht, denkt Reinking, ist der Wagen ja auch gestohlen worden. 19 Minuten später trifft POK Reinking in Hessisch Oldendorf ein.
Mit dem Schwimmgreifer „Bodenwerder“ haben Arbeiter einen zerfetzten Wagen geborgen und ans Ufer gestellt. Ein Mann gibt Reinking die Hand. Was er sagt, jagt dem Beamten einen kalten Schauer über den Rücken.
„Da sitzt noch einer drin.“Knochen und Kleidungsfetzen sind auf dem Fahrersitz zu sehen. Der Wasserschutzpolizist fordert über Handy das zuständige 1. Fachkommissariat der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden an, denn: Für Todesursachenermittlungen ist die Wasserschutzpolizei nicht zuständig.
Elf Monate später sitzt Oberkommissar Reinking in der Wache, blättert in der Akte und erinnert sich an den Fall. Es war der spektakulärste, den er in seinen 26 Dienstjahren bei der Polizei erlebt hat. Rechtsmediziner haben anhand von DNA-Spuren herausgefunden, dass es die Überreste einer 48-jährigen Frau waren, die in dem Opel lagen. Im März 2000 war sie als vermisst gemeldet worden. Acht Jahre hat die Tote in der Weser gelegen. Was damals passiert ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Das Bild der skelettierten Leiche hat sich eingebrannt in das Gedächtnis des Wasserschutzpolizisten. „
Nicht, dass ich deshalb nachts Albträume bekommen habe“, sagt Reinking – und fügt dann hinzu: „
Aber so was vergisst man einfach nicht.“ Der Ermittler kann sich erklären, warum der Kleinwagen dermaßen deformiert war. „Da sind mehrere Frachtschiffe drübergefahren. Das zeigen die Schleifspuren.“ Über den Leichenfund hat die Polizei bis heute Stillschweigen bewahrt. Es ist das erste Mal, dass Reinking davon erzählt.
Der Beamte liest die alten Protokolle. Er hat sich daran erinnert, dass das Wrack damals von einem Peilschiff geortet worden war. „Die Messwerte müssen doch hier irgendwo sein“, sagt Reinking. Die Informationen über die Beschaffenheit des Flussbetts und die Tiefen sind wichtig für einen neuen Fall, an dem die „Wasserschutz“ gerade im Auftrag des für Raub und Erpressung zuständigen 2. Fachkommissariats arbeitet.
Es geht um einen Banküberfall. Der Verbrecher ist vor wenigen Tagen gefasst worden. In seiner Vernehmung hat der Mann ausgesagt, er habe die Pistole im April 2008 bei Hessisch Oldendorf in die Weser geworfen. „
Das soll zwischen Flusskilometer 144,5 und 148,9 gewesen sein – also genau dort, wo im selben Monat der Opel mit der Toten gefunden wurde“, sagt Ermittler Reinking. Wenn der Pegel ein, zwei Meter gefallen ist, will die Wasserschutzpolizei mit einem Sonarboot nach der Schusswaffe suchen. „
Für die Kollegen, die die Technik bedienen, ist es wichtig zu wissen, ob der Wesergrund an dieser Stelle aus Kies, Fels oder Schlick besteht“, erklärt Reinking.Im vergangenen Jahr gab es viel zu tun für die drei Männer von der Station Hameln, zu der noch zwei Beamte gehören, die allerdings nur am Standort Hannoversch Münden Dienst tun. 213 Fälle galt es zu bearbeiten. Ein betrunkener Fahrgastschiff-Kapitän, der Untergang von zwei Motorjachten und Ölalarme sorgten ebenso für Schlagzeilen wie die Bergung von Wasserleichen und die Rettung von drei Menschen, die in die Weser gefallen waren. Polizeihauptkommissar Lothar Moniac (54) leitet die Dienststelle Hameln, die zum Wasserschutzpolizeikommissariat in Brake gehört.
Ein neuer Tag. Draußen weht ein eisiger Wind. Lothar Moniac, Wolfgang Reinking und der dritte Mann im Bunde, Kommissar Bernd Bleibaum (52), bearbeiten Vorgänge. Da klingelt das Telefon in der Wache. Hauptkommissar Dieter Warnecke (51), ein Einsatzleitbeamter der Leitstelle „Süntel“, informiert die Wasserschutzpolizei über eine Suchaktion, die gerade angelaufen ist. Um 14.38 Uhr hat eine Emmerthalerin (17) in Höhe der alten Eisenbahnbrücke in Hameln eine leblose Person im Fluss treiben sehen. „
Die Feuerwehr ist schon unterwegs“, sagt Warnecke.
Sekunden später sind die drei Beamten im Einsatz. Moniac fährt mit dem Streifenwagen auf der Pyrmonter Straße in Richtung Bootshäuser, um von dort aus auf den Radweg neben der Weser fahren zu können. Reinking und Bleibaum sind derweil zum blauen Streckenboot „W9“ gelaufen, das neben der Hamelner Schleuse liegt.
Bleibaum macht die Leinen los; sein Kollege Reinking steckt den Schlüssel ins Zündschloss, startet die beiden je 256 PS starken Mercedes-Schiffsdiesel und öffnet die Klappen des Rolls-Royce-Jet- antriebs. Mit der rechten Hand drückt der Wasserschutzpolizist die beiden Gashebel nach vorn, mit der linken dreht er das Steuerrad nach links. Aus den Düsen am Heck schießen zwei beindicke Wasserstrahle – und schon hebt sich der Bug des zwölf Tonnen schweren und 12,38 Meter langen Aluminiumboots an. „Pamir 5-11-15“ ist auf Einsatzfahrt. Am Mast blinkt ein Blaulicht. Wasser spritzt auf, blauer Qualm wabert aus dem Auspuff. Noch bevor die Feuerwehr ihr Rettungsboot zu Wasser gelassen hat, sucht die Besatzung von Streckenboot „W9“ nach einem Menschen in Not.

Suchaktion auf der Weser (Foto: ©DWZ / Ulrich Behmann)
Die Uferböschungen, die Brückenpfeiler und die Turbineneinläufe werden kontrolliert. Mit dem Fernglas sucht Reinking die Wasseroberfläche ab – die an der Aktion beteiligten Retter geben alles, doch sie können keine Person entdecken. Um 15.30 Uhr wird die Suche abgebrochen. „
War wohl nur ein Stück Treibholz, das die junge Frau gesehen hat“, meint Hauptkommissar Moniac – und kommentiert: „
Macht nichts. Besser einmal zu viel rausfahren als zu wenig.“Das Revier der WSP-Station Hameln ist 172 Kilometer lang und liegt in den Bundesländern Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen. „Unser Zuständigkeitsbereich reicht von Hannoversch Münden bis Eisbergen. Wir sind auf Weser, Werra und Fulda tätig“, sagt Wolfgang Reinking, als er an diesem Dienstagvormittag gemeinsam mit Kommissar Bleibaum zu einer Streifenfahrt auf der Weser aufbricht.

Das Polizeiboot fährt in den Hamelner Schutzhafen ein. (Foto: ©DWZ / Ulrich Behmann)
Mit dem Polizeiboot geht es zunächst in den Hamelner Schutzhafen. „Hier ist alles okay, seit sich der Hafenverein um die Idylle kümmert“, stellt der Oberkommissar fest. Langsame Fahrt. „W9“ nähert sich dem Vereinsschiff „Task“. Andreas Engelhardt (49) winkt den Wasserpolizisten freundlich zu, lädt sie – von Reling zu Reling – zur Mitgliederversammlung ein. Reinking nickt: „Ich werde vorbeikommen.“
"Small-talk" zwischen Wolfgang Reinking und Andreas Engelhardt an der "
Task" (Foto: ©DWZ / Ulrich Behmann)
Zurück geht’s auf die Oberweser. Direkt an der Hafeneinfahrt hat Thorsten Kohlmann (34) zwei Angelruten ausgelegt. „
Wollen doch mal sehen, ob dieser Sportfischer einen Angelschein hat“, sagt Bleibaum und lenkt das Boot an die Kaimauer. Oberkommissar Reinking geht von Bord, bittet den Hamelner, die Papiere vorzuzeigen. Kohlmann hat alles dabei. Er ist schon mehrfach kontrolliert worden. „
Finde ich gut, dass die Wasserschutz auf der Hut ist. Es gibt viel zu viele Schwarzangler“, sagt er.
Reinking hat genug gesehen. „
Schönen Tag noch – und Petri Heil!“, wünscht der Beamte. „
Wer ohne Berechtigung Fische fängt, macht sich strafbar“, erklärt der Oberkommissar. „
Das wäre dann ein Fall von Wilderei.“Das Streckenboot „W9“ hat den Weserbogen am Fort Luise erreicht, da entdecken die Wasserschützer sonderbare Schlieren, die in Richtung Hameln treiben. Ein Ölfilm? Bleibaum gibt Gas. Die Maschinen laufen Volllast, machen 2500 Umdrehungen. Mit 40 km/h geht es stromaufwärts. Bergfahrt nennen dass die Schiffer. Die Besatzung von „Pamir 5-11-15“ ist wieder im Einsatz – diesmal sind die Ermittler der Wasserschutzpolizei einem Umweltsünder auf der Spur.

(Foto: ©DWZ / Ulrich Behmann)