Foto: © Privatarchiv Peter Kröger
Bericht des „Hamelner Markt“ vom Oktober 2008 über die Geschichte des „Weserstern“-Ankers.
Anker gehörte früher der Weserstern Hameln
Jahrelang beim Bauhof gelagert / Jetzt identifiziert
Von Alda Maria Grüter (amg)
Hameln. Wenn Andreas Engelhardt und Bernhard Mandla sich im Vereinsschiff
“Task“ zusammensetzen, geht es meist um die Hausboote im alten Schutzhafen der Stadt. Es gibt immer etwas zu besprechen und noch viel mehr zu tun für die beiden, zumal sie sich gemeinsam mit weiteren Mitgliedern des Hamelner Hafenvereins auch für die Erhaltung und Pflege des Hafens, der Deiche sowie den Umwelt- und Naturschutz einsetzen.
An diesem Nachmittag allerdings schlägt die Besprechung unverhofft einen anderen Kurs ein. Das Handy klingelt, Bernhard Mandla entscheidet spontan:
“Klar wollen wir den haben.“. Eine Viertelstunde später rückt auch schon der Mitarbeiter vom Bauhof mit schwerem Fahrzeug an. Steffen Franke lädt den wuchtigen Gegenstand auf dem Platz am Senator-Meyer-Weg ab: ein schwarzer, fast mannsgroßer Anker aus Eisen.
Seit vielen Jahren lagert der Anker auf dem Gelände des Bauhofes. Nun dachten wir, dass vielleicht der Hafenverein ihn gebrauchen kann“, sagt Stefan Franke.
Freilich kann er, denn auch wenn sieben Hausboote im Hafen festgemacht haben – ein Anker ist bislang weit und breit nicht zu sehen. Umso mehr freut sich Andreas Engelhardt über das Objekt, das so plötzlich aufgetaucht ist und nun den Zugang zur Hamelner Hausboot-Meile zieren soll.

Pressebild zur Anlieferung des Ankers am Senator-Meyer-Weg
Doch woher stammt er eigentlich, der Anker, auf dem die Gravur
“Weserstern-Hameln“ zu lesen ist ?
Das Wasser- und Schifffahrtsamt Hann.-Münden ist ratlos. Im Januar 2007 sei ein Öltanker namens
“Weserstern“ vor der Küste Estlands auf Grund gelaufen. Doch der sei eindeutig nicht auf der Weser gefahren; zu dem riesigen, 127 langen und 16 Meter breiten Schiff könne der Anker nicht gehört haben.
Und dann – wie der Zufall so spielt – kennt jemand vom Wasserschifffahrtsamt jemanden, der sich mit Schiffen auskennt, jemanden, der früher auf der Weser gefahren ist.
Und so führt die weitere Spurensuche in das Dorf Boldenkoven zu Kurt Kaiser und nach Hehlen zu Walter Sorge – ersterer war Schiffsführer auf der Weserstern-Hameln, und obwohl der andere Zeitzeuge nie das besagte Schiff betreten hat, so kann er dennoch Material liefern, das das Geheimnis um den Anker lüften hilft.
Walter Sorge war selbst mal Binnenschiffer und weiß einiges über Pötte und Kähne. Und: Seit vielen Jahren fotografiert er Schiffe,
“die irgendwie mit der Weser zu tun haben“. Über 3000 Bilder und 8000 Dias haben sich mittlerweile in seinem Privat-Archiv angesammelt. Darunter auch zwei Fotos von der Weserstern-Hameln, die eine Aufnahme unterhalb von Hajen, die andere am Grohnder Fährhaus.
“Die Kajüte in der Mitte – ein typisches Weser-Schiff, das Weserstern-Hameln“, sagt der 62-Jährige.

Binnenschiffer Walter Sorge (Foto: ©Hamelner Markt / amg)
Schiff wurde nach einer Mehlsorte benannt Und als Kurt Kaiser sich das Foto vom Anker anschaut, besteht für ihn kein Zweifel:
“Ja, der Anker gehört zu dem Frachtschiff Weserstern-Hameln. Da sind sogar noch die Aufhängekette und Schäkel dran.“ Ein so genannter Klipp-Anker, drei bis vier Zentner schwer, erklärt der 70-Jährige weiter.
“So einer hing hinten am Heck des Schiffes. An jeder Seite einer, am Bug mindestens einer. Mensch, sieht der gut aus ! Kein Rost, kein Dreck, nichts.“ Erinnerungen werden wach:
“Der Weserstern-Hameln war mein zweites Schiff“, sagt der gelernte Tischler, der als 18-Jähriger
“mit 70 Westmark in der Tasche aus der DDR ausgebüchst“ ist und in Hameln bei einem Onkel Unterschlupf fand. Dessen Söhne fuhren Binnenschiffe – und so landete auch Kurt Kaiser schließlich auf dem Wasser.
“Als fester Schiffsführer war ich sieben Jahre auf dem Weserstern-Hameln, von 1968 bis 1975.“Die Kiste mit Schifffahrtsbüchern und anderen Unterlagen sei leider bei einem Umzug verloren gegangen. Doch einige Stammdaten über das Schiff kann der 70-Jährige gleich aus dem Ärmel schütteln:
“Ursprünglich war die Weserstern-Hameln ein Schleppkahn, wurde dann zum Motorschiff umgebaut und müsste so um die 59 Meter lang gewesen sein. Waren aller Art habe das Frachtschiff transportiert. Im Auftrag des Wesermühlen-Werkes in Hameln auch Getreide und Mehl. Das Schiff wurde nach einer Mehlsorte, nämlich Weserstern, benannt“, weiß Kurt Kaiser zu berichten.

Die "Weserstern-Hameln" im Hamelner Schutzhafen vor Anker (Foto: ©Privatarchiv Peter Kröger)
Dass das Frachtschiff für die Wesermühlen gefahren ist, bestätigt Stefan Graetsch. Die Mehlsorte
“Weserstern“ ist dem Werksleiter der Wesermühlen allerdings unbekannt:
“Es kann sich um eine kundenspezifische Bezeichnung handeln, die später bedeutungslos wurde.“
Alte Ansichtskarte der Wesermühlen Hameln / Kurt Kampffmeyer mit Ladekran und Binnenschiffen (©Privatarchiv Bernhard Mandla)
Das Schiff sei wahrscheinlich in den 70er Jahren verschrottet worden, vermutet er. Doch auch wenn es in der Vergessenheit versunken ist – ein Teil vom Weserstern-Hameln ist letztlich doch noch in der alten Heimat vor Anker gegangen.
Weitere Informationen zur aktuellen Hafenverein–Aktion "Anker der MS Weserstern" finden Sie hier !